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Energy Box, L’Aquila/I

Unaufdringlich und energieeffizient setzt das Einfamilienhaus eine bauliche Geste gegen die Anonymität der Wiederaufbauprojekte L’Aquilas.

Am 6. April 2009 erschütterte die mittelitalienische Stadt L’Aquila ein Erdbeben mit einer Stärke von 5,8 auf der Richterskala. 300 Menschen verloren unter den Trümmern ihr Leben, Tausende wurden obdachlos und jahrhundertealte Kulturgüter nahmen Schaden

Als eine erste Soforthilfe ließ der italienische Zivilschutz in der Umgebung der Stadt 150 Wohnungen in Holzmassivbauweise errichten: In Kooperation mit italienischen Holzbaubetrieben und österreichischen Herstellern entstanden schlüsselfertige dreigeschossige Wohnanlagen. (Siehe Zuschnitt 46)

Doch seitdem geht der Wiederaufbau schleppend und ohne umfassenden Plan voran. An der Peripherie des 75.000 Einwohner zählenden L’Aquila wurden anonyme provisorische Unterkünfte oder schnell aus dem Boden gestampfte „New Towns“ hochgezogen. Gesichtsloser Massenwohnbau ist dort entstanden.

Sichtbares Zeichen setzen

Gegen diese Anonymität der Wiederaufbauprojekte trat der junge italienische Architekt Pierluigi Bonomo mit einem Neubau eines 2009 durch das Beben zerstörten Einfamilienhauses an.

„Energy Box“ nennt sich der kompakte zweigeschossige Baukörper, ganz in Lärchenholz gehüllt. Der Name geht auf die optimierte Energieperformance des schlichten Gebäudes zurück. Verständlich, liegt der Schwerpunkt Bonomos Arbeit neben erdbebensicherem Bauen auf einer nachhaltigen, energieeffizienten Architektur.

So kommt Holz als Fassadenmaterial zum Einsatz sowie in Form von Brettsperrholz in der Tragstruktur. Zusätzlich verwendete Bonomo Stein und Stahl, auch teilweise als recycelte Materialien, die er vom alten Haus übernahm.

Zudem ließ der Architekt Mauerreste des zerstörten Hauses, die den Grundriss des neuen begrenzen, als sichtbares Zeichen einer verloren gegangenen Identität bestehen und setzte die bautechnologisch avancierte Holzbox als zeitgemäße Architekturgeste inmitten dieser symbolischen Begrenzung.

„Die Fingerabdrücke der alten steinernen Mauerreste, die gleich einer Fotografie erst im Laufe der Zeit verblassen, versinnbildlichen in gegenständlicher Form und auf symbolische Weise zwischen der ‚schweren’ und unauslöschbaren Vergangenheit und dem Gedanken an eine bessere Zukunft, die sich mit der Leichtigkeit des ‚Neuen’, mit sicheren, effizienten und nachhaltigen Technologien realisieren wird,“ so Pierluigi Bonomo.

Nachhaltigkeit – der Weg in eine bessere Zukunft

Das Einfamilienhaus entspricht gemäß der Europäischen Gebäuderichtlinie einem Fast-Nullenergie-Haus. Zudem wurde es als erstes Gebäude in der Region mit der KlimaHaus-Kategorie Gold ausgezeichnet – das bedeutet, dass der Heizenergiebedarf unter 10kWh/m2a liegt.

Der Architekt mit Büro in L’Aquila erreicht diese Energieeffizienz, indem er vor allem die baulichen Vorteile des Holzes sowie die Kraft der Sonne in die Planung und Ausrichtung des Hauses miteinbezieht. Zum einen wird die Lärchenholzfassade funktional variabel eingesetzt: Große vertikale Öffnungen an der Südseite versorgen das Gebäude mit genügend Tageslicht und steigern die Solareinträge im Winter. Verschiebbare Screens an der Südwest-Seite erlauben eine natürliche Belüftung und geben Sonnenschutz. Ganz allgemein bietet die Lärchenholzfassade einen natürlichen Wärmeschutz. Zum anderen stehen an der Südost-Fassade Photovoltaikpaneele im eindrucksvollen Kontrast mit der natürlichen Holzbeplankung.

All das erlaubt im Zusammenspiel mit einer hochwertigen Dämmung der Gebäudehülle auch die CO2-Bilanz des Einfamilienhauses minimal zu halten. Zusätzlich tragen die Tragstruktur in Holzmassivbauweise und die teilweise Wiederverwendung von Materialien des alten Hauses dazu bei, dass die Umweltbelastungen der „Energy Box“ über ihre gesamte Lebensdauer gering sein werden.

Gerade fertiggestellt, wurde die „Energy Box“ beim biennal von der Renzo Piano Foundation ausgeschriebenen Preis für Architekten unter 40 Jahren für die Runde der Finalisten nominiert.

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